Das Geheimnis des Dave Regan
The Mystery of Dave Regan · 1900 · Lesezeit ca. 6 min
»Und dann war da noch Dave Regan«, sagte der Reisende. »Dave starb öfter als jeder andere Buschmann, den ich kannte. Er wurde ständig für tot erklärt und tauchte dann wieder auf. Es schien ihm zu gefallen – bis auf das eine Mal, als sein Bruder sein Geld nahm und es komplett versoff, um seinen Kummer über das, was er Daves ›vorzeitiges Ende‹ nannte, zu ertränken. Nun, Dave ging einmal mit Rindern nach Queensland, war drei Jahre lang weg und wurde wie üblich für tot erklärt. Diesmal lies man ihn im Bogan ertrinken, als er versuchte, mit seinem Pferd durch ein Hochwasser zu schwimmen – und seine Liebste beeilte sich und heiratete einen noch schlechteren Mann, bevor Dave zurückkam.
Nun, eines Tages war ich draußen im Busch auf der Suche nach Holz, als der größte Sturm, den es dort je gegeben hatte, aufkam. Es hagelte auch, so groß wie Gewehrkugeln, und hätte ich mich nicht rechtzeitig hinter einen Baumstumpf geflüchtet und mich hingekauert, wäre ich durchsiebt worden wie ein – wie ein Bushranger. Wie erwartet, wurde ich klatschnass. Der Sturm war nach ein paar Minuten vorbei, das Wasser lief die Rinnen hinunter, und die Sonne kam heraus, und das Gestrüpp dampfte – und stank wie ein neues Paar Moleskinhosen. Ich setzte meinen Weg fort, und bald sah ich einen langen, schlaksigen Kerl auf ein langes, schlaksiges Pferd steigen und aus einem Buschgelände am Rande einer Lichtung herausreiten. Ich wusste sofort, dass es Dave war, sobald ich ihn sah.
Früher ritt Dave ein großes hohlkreuziges Vollblut, dessen Körper und Gliedmaßen an einen Känguru-Hund erinnerten, und es umkreiste einen und tänzelte davon, als hätte es Angst, man würde ihm ein Messer in den Leib rammen.
›Hallo! Dave!‹, sagte ich, als er herangeritten kam. ›Wie geht’s dir?‹
›Hallo, Jim!‹, sagte er. ›Wie geht’s dir?‹
›Gut!‹, sagte ich. ›Wie läuft’s bei dir?‹
Doch bevor wir noch etwas sagen konnten, schreckte das Pferd zurück und tänzelte nach rechts durch das Gestrüpp davon. Ich wartete, denn ich wusste, dass Dave zurückkommen würde, wenn ich nur lange genug wartete; und nach etwa zehn Minuten kam er seitwärts aus dem Gestrüpp auf der linken Seite herangetänzelt.
›Oh, mir geht’s gut‹, sagte er und ritt, das Pferd seitlich anspornend, heran; ›Wie geht’s dir?‹
›Gut!‹, sagte ich. ›Wie geht’s den Alten?‹
›Oh, ich war noch nicht zu Hause‹, sagte er und streckte mir die Hand entgegen; doch bevor ich sie ergreifen konnte, tänzelte das verdammte Pferd zum südlichen Ende der Lichtung und rannte wieder durch das Gestrüpp davon.
Ich hörte Dave etwa zwanzig Minuten lang über die Gegend fluchen, und dann kam er spornend und schimpfend vom anderen Ende der Lichtung herüber.
›Wo bist du die ganze Zeit gewesen?‹, fragte ich, als das Pferd wie ein Bumerang um die Kurve kam.
›Gulf Country‹, sagte Dave.
›Das war ein heftiger Sturm, Dave‹, sagte ich.
›Und ob!‹, sagte Dave.
›Hat er dich erwischt?‹
›Ja.‹
›Hast du einen Unterschlupf gefunden?‹
›Nein.‹
›Aber du bist knochentrocken, Dave!‹
Dave grinste. ›——— und ——— und ——— das ————!‹, brüllte er.
Das sagte er zu dem Pferd, als es wieder wie ein Bumerang davonflog und durch das Gestrüpp davonpreschte. Ich wartete; aber er kam nicht zurück, und ich nahm an, dass er schon so weit weg war, bevor er zum Stehen kam, dass er es nicht für lohnenswert hielt, zurückzukommen; also ging ich weiter. Nach einer Weile kam mir ein Gedanke. Dave war knochentrocken, und ich wusste, dass er keine Zeit gehabt hatte, Schutz zu suchen, denn im Umkreis von zwölf Meilen gab es keinen Schuppen. Er war nicht nur trocken, auch sein Mantel war zerknittert und staubig – so, als hätte er in einem hohlen Baumstamm geschlafen; und wenn ich so darüber nachdachte, schien sein Gesicht dünner und blasser als früher, ebenso wie seine Hände und Handgelenke, die immer weit aus seinen Mantelärmeln herausragten; und da war Blut auf seinem Gesicht – aber ich dachte, er hätte sich an einem Zweig verletzt. (Dave trug immer einen Mantel, der ihm drei oder vier Nummern zu klein war, mit Ärmeln, die kaum über seine Ellbogen reichten, und einem Rückenschlitz, der hinten kaum bis zur Taille reichte.) Und sein Haar wirkte dunkel und glatt, statt sandfarben und abstehend wie eine alte Faserbürste, wie es früher der Fall war. Und dann kam es mir vor, als klänge auch seine Stimme anders. Und als ich am nächsten Tag nachfragte, hatte niemand etwas von Dave gehört, und die Jungs meinten, ich müsse betrunken gewesen sein oder seinen Geist gesehen haben.
Das kam mir überhaupt nicht richtig vor – es hat mich sehr beunruhigt. Ich konnte mir nicht erklären, wie Dave trocken geblieben war; und das Pferd, der Sattel und die Satteldecke waren nass. Ich erzählte den Jungs, wie er mit mir gesprochen hatte und was er gesagt hatte, und wie er das Pferd beschimpft hatte; aber sie sagten nur, es sei Daves Geist gewesen und niemand anderes. Ich erzählte ihnen, dass er knochentrocken war, nachdem er in diesen Sturm geraten war; aber sie lachten nur und sagten, es sei ein trockener Ort, an den Dave gegangen sei. Ich redete und stritt darüber, bis die Jungs anfingen, sich an die Stirn zu tippen und zu zwinkern – dann hörte ich auf zu reden. Aber ich hörte nicht auf, darüber nachzudenken – ich habe Geheimnisse schon immer gehasst. Sogar Daves Vater sagte mir, dass Dave nicht am Leben sein könne, sonst wäre sein Geist nicht hier – er sagte, dafür kenne er Dave zu gut. Ein oder zwei Kerle tauchten später auf, die Dave etwa zur gleichen Zeit gesehen hatten wie ich – und dann sagten die Jungs, sie seien sich sicher, dass Dave tot sei.
Aber eines schönen Tages, als einige von den Jungs in der Kneipe »Pitch and Toss« spielten, rief einer der Jungs:
›Heiliger Strohsack! Da kommt Dave Regan!‹
Und ich schaute auf und sah Dave höchstpersönlich, wie er auf einem langen, schlaksigen Pferd aus einer Staubwolke herantänzelte. Er ritt in den Stall, stieg ab, band sein Pferd an einen Pfosten, stellte die Absperrungen auf und schlenderte dann mit einem breiten Grinsen im Gesicht auf uns zu. Dave hatte lange, dünne O-Beine, und wenn er zu Fuß unterwegs war, bewegte er sich, als stünde er auf Rollschuhen.
›Hallo, Dave!‹, sagte ich. ›Wie geht’s dir?‹
›Hallo, Jim!‹, sagte er. ›Wie zum Teufel geht’s dir?‹
›Gut!‹ sagte ich und schüttelte ihm die Hand. ›Wie geht’s dir?‹
›Oh! Mir geht’s gut!‹, sagte er. ›Wie geht’s dir denn so?‹
Als wir das alles geklärt hatten und die anderen Jungs gefragt hatten, wie es ihm ginge, sagte er: ›Ach, na ja! Lasst uns was trinken.‹
Und alle anderen Jungs zogen sich zurück, huschten um die Ecke und tänzelten hinter Dave her in die Bar. Wir unterhielten uns ausgiebig, und er erzählte uns, dass er schon einmal hier gewesen sei, aber wieder abgereist sei, ohne jemanden von uns zu sehen, außer mir, weil er plötzlich von einer Herde Rinder auf einer Ranch zweihundert Meilen entfernt gehört hatte; und nach einer Weile nahm ich ihn beiseite und sagte:
›Hör mal, Dave! Erinnerst du dich an den Tag, als ich dich nach dem Sturm getroffen habe?‹
Er kratzte sich am Kopf.
›Na ja, ja‹, sagte er.
›Hast du an dem Tag einen Unterschlupf gefunden?‹
›Na ja – nein.‹
›Wie zum Teufel bist du dann nicht nass geworden?‹
Dave grinste; dann sagte er:
›Na ja, als ich den Sturm kommen sah, habe ich meine Klamotten ausgezogen und sie in einen hohlen Baumstamm gesteckt, bis der Regen vorbei war.‹
›Ja‹, sagte er, nachdem die anderen Kerle aufgehört hatten zu lachen, aber bevor ich fertig war zu denken; ›ich habe meine Klamotten trocken gehalten und obendrein noch eine erfrischende Dusche abbekommen.‹
Dann kratzte er sich mit dem kleinen Finger am Nacken, ließ den Mund offen stehen und dachte einen Moment nach; dann rieb er sich nachdenklich den Scheitel und die Schulter und sagte:
›Aber mit diesen verdammten Hagelkörnern hatte ich nicht gerechnet.‹«