Der Modell-Millionär
The Model Millionaire · 1887 · Lesezeit ca. 10 min
Sofern man nicht wohlhabend ist, nützt es nichts, ein charmanter Kerl zu sein. Romantik ist das Privileg der Reichen, nicht das Metier der Arbeitslosen. Die Armen sollten praktisch und nüchtern sein. Es ist besser, ein regelmäßiges Einkommen zu haben, als faszinierend zu sein. Das sind die großen Wahrheiten des modernen Lebens, die Hughie Erskine nie begriffen hat. Armer Hughie! Intellektuell, das muss man zugeben, war er nicht von großer Bedeutung. Er hat in seinem ganzen Leben nie etwas Geistreiches oder gar Bösartiges gesagt. Aber dafür war er wunderbar gutaussehend, mit seinem lockigen braunen Haar, seinem markanten Profil und seinen grauen Augen. Er war bei Männern ebenso beliebt wie bei Frauen, und er verfügte über alle Talente, außer dem, Geld zu verdienen. Sein Vater hatte ihm sein Kavallerieschwert und eine fünfzehnbändige Ausgabe der Geschichte des Spanischen Unabhängigkeitskrieges vermacht. Hughie hängte das erste über seinen Spiegel, stellte das zweite in ein Regal zwischen »Ruff’s Guide« und »Baily’s Magazine« und lebte von zweihundert Pfund im Jahr, die ihm eine alte Tante gewährte. Er hatte alles versucht. Er hatte sich sechs Monate lang an der Börse versucht; aber was sollte ein Schmetterling schon unter Bullen und Bären ausrichten? Er war etwas länger Teehändler gewesen, hatte aber bald genug von Pekoe und Souchong. Dann hatte er versucht, trockenen Sherry zu verkaufen. Erfolglos; der Sherry war ein wenig zu trocken. Letztendlich wurde er Nichts, ein reizender, ineffektiver junger Mann mit einem perfekten Profil und ohne Beruf.
Zu allem Übel war er auch noch verliebt. Das Mädchen, das er liebte, war Laura Merton, die Tochter eines pensionierten Colonel, der in Indien sein Temperament und seinen Magen verloren und beides nie wiedergefunden hatte. Laura verehrte ihn, und er wäre bereit gewesen, ihr die Schuhbänder zu küssen. Sie waren das stattlichste Paar in London und besaßen keinen einzigen Penny. Der Colonel mochte Hughie sehr, wollte aber von einer Verlobung nichts wissen.
»Komm zu mir, mein Junge, wenn du zehntausend Pfund dein Eigen nennen kannst, dann werden wir darüber reden«, pflegte er zu sagen; und Hughie sah an solchen Tagen sehr bedrückt aus und musste zu Laura gehen, um Trost zu finden.
Eines Morgens, als er auf dem Weg zum Holland Park war, wo die Mertons wohnten, schaute er bei einem guten Freund von ihm, Alan Trevor, vorbei. Trevor war Maler. Tatsächlich entkommt heutzutage kaum jemand diesem Schicksal. Aber er war auch ein Künstler, und Künstler sind eher selten. Persönlich war er ein seltsamer, rauer Kerl mit einem sommersprossigen Gesicht und einem roten, struppigen Bart. Sobald er jedoch den Pinsel in die Hand nahm, war er ein wahrer Meister, und seine Bilder waren heiß begehrt. Man muss zugeben, dass er sich anfangs sehr zu Hughie hingezogen gefühlt hatte, und zwar ausschließlich wegen dessen persönlicher Ausstrahlung. »Die einzigen Menschen, die ein Maler kennen sollte«, pflegte er zu sagen, »sind Menschen, die schön und charmant sind, Menschen, deren Anblick ein künstlerisches Vergnügen ist und mit denen ein Gespräch intellektuelle Erholung bedeutet. Männer, die Dandys sind, und Frauen, die Lieblinge sind beherrschen die Welt, zumindest sollten sie das.« Nachdem er Hughie jedoch besser kennengelernt hatte, schätzte er ihn ebenso sehr wegen seiner fröhlichen, beschwingten Art und seiner großzügigen, rücksichtslosen Natur und hatte ihm ständigen Zutritt zu seinem Atelier gewährt.
Als Hughie hereinkam, sah er, wie Trevor gerade den letzten Schliff an einem wunderbaren, lebensgroßen Bild eines Bettlers vornahm. Der Bettler selbst stand auf einer erhöhten Plattform in einer Ecke des Ateliers. Er war ein runzeliger alter Mann mit einem Gesicht wie zerknittertes Pergament und einem äußerst mitleiderregenden Gesichtsausdruck. Über seine Schultern war ein grober brauner Mantel geworfen, zerlumpt und abgetragen; seine dicken Stiefel waren geflickt und geschustert, und mit einer Hand stützte er sich auf einen spröden Stock, während er mit der anderen seinen ramponierten Hut für Almosen hinhielt.
»Was für ein erstaunliches Modell!«, flüsterte Hughie, als er seinem Freund die Hand schüttelte.
»Ein erstaunliches Modell?«, rief Trevor mit lauter Stimme; »Das kann man wohl sagen! Bettler wie ihn trifft man nicht jeden Tag. A trouvaille, mort cher; ein lebendiger Velázquez! Meine Güte! Was für eine Radierung Rembrandt aus ihm gemacht hätte!«
»Armer alter Kerl!«, sagte Hughie, »wie elend er aussieht! Aber ich nehme an, für euch Maler ist sein Gesicht sein Glück?«
»Gewiss«, antwortete Trevor, »man will doch nicht, dass ein Bettler glücklich aussieht, oder?«
»Wie viel bekommt ein Modell fürs Posieren?«, fragte Hughie, während er einen bequemen Platz auf einem Diwan fand.
»Einen Schilling pro Stunde.«
»Und wie viel bekommst du für dein Bild, Alan?«
»Oh, dafür bekomme ich zweitausend!«
»Pfund?«
»Guineen. Maler, Dichter und Ärzte bekommen immer Guineen.«
»Nun, ich finde, das Modell sollte einen Anteil bekommen«, rief Hughie lachend; »sie arbeiten genauso hart wie du.«
»Unsinn, Unsinn! Sieh dir doch nur an, wie mühsam es ist, die Farbe aufzutragen und den ganzen Tag vor der Staffelei zu stehen! Du hast leicht reden, Hughie, aber ich versichere dir, dass es Momente gibt, in denen die Kunst fast die Würde körperlicher Arbeit erreicht. Aber du darfst nicht plappern; ich habe viel zu tun. Rauch eine Zigarette und sei still.«
Nach einer Weile kam der Diener herein und sagte Trevor, dass der Rahmenmacher mit ihm sprechen wolle.
»Lauf nicht weg, Hughie«, sagte er, als er hinausging, »ich bin gleich wieder da.«
Der alte Bettler nutzte Trevors Abwesenheit, um sich einen Moment auf einer Holzbank hinter ihm auszuruhen. Er sah so verloren und elend aus, dass Hughie nicht umhin konnte, Mitleid mit ihm zu haben, und er tastete in seinen Taschen nach Geld. Alles, was er finden konnte, war ein Sovereign und ein paar Kupfermünzen. »Armer alter Mann«, dachte er bei sich, »er braucht es dringender als ich, aber das bedeutet zwei Wochen ohne Hansom«; und er ging durch das Atelier und schob dem Bettler den Sovereign in die Hand.
Der alte Mann zuckte zusammen, und ein schwaches Lächeln huschte über seine vertrockneten Lippen. »Danke, Sir«, sagte er, »danke.«
Dann kam Trevor, und Hughie verabschiedete sich, wobei er ein wenig errötete wegen seiner Tat. Er verbrachte den Tag mit Laura, fing sich für seine Verschwendungssucht eine charmante Standpauke ein und musste zu Fuß nach Hause gehen.
An jenem Abend schlenderte er gegen elf Uhr in den Palette Club und fand Trevor allein im Raucherzimmer sitzend, wo er Hock und Selters trank.
»Na, Alan, hast du das Bild fertiggestellt?«, fragte er, während er sich eine Zigarette anzündete.
»Fertig und gerahmt, mein Junge!«, antwortete Trevor; »und übrigens, du hast eine Eroberung gemacht. Das alte Modell, das du gesehen hast, ist dir ziemlich zugetan. Ich musste ihm alles über dich erzählen – wer du bist, wo du wohnst, wie viel du verdienst, welche Perspektiven du hast –«
»Mein lieber Alan«, rief Hughie, »wahrscheinlich wartet er schon auf mich, wenn ich nach Hause komme. Aber natürlich machst du nur Spaß. Armer alter Kerl! Ich wünschte, ich könnte etwas für ihn tun. Ich finde es schrecklich, dass jemand so leiden muss. Ich habe zu Hause jede Menge alte Kleider – glaubst du, er hätte Interesse an irgendwelchen davon? Seine Lumpen fielen ja schon auseinander.«
»Aber er sieht darin großartig aus«, sagte Trevor. »Ich würde ihn um nichts in der Welt in einem Gehrock malen. Was du Lumpen nennst, nenne ich Romantik. Was dir als Armut erscheint, ist für mich Malerischer Reiz. Wie dem auch sei, ich werde ihm von deinem Angebot erzählen.«
»Alan«, sagte Hughie ernst, »ihr Maler seid ein herzloser Haufen.«
»Das Herz eines Künstlers ist sein Kopf«, antwortete Trevor; »und außerdem ist es unsere Aufgabe, die Welt so darzustellen, wie wir sie sehen, und nicht, sie so zu reformieren, wie wir sie zu kennen glauben. A chacun son métier. Und jetzt erzähl mir, wie es Laura geht. Das alte Modell war ziemlich an ihr interessiert.«
»Du willst doch nicht etwa sagen, dass du mit ihm über sie geredet hast?«, sagte Hughie.
»Und ob. Er weiß alles über den unerbittlichen Colonel, die reizende Laura und die 10.000 Pfund.«
»Du hast diesem alten Bettler all meine privaten Angelegenheiten erzählt?«, rief Hughie und wurde ganz rot vor Wut.
»Mein lieber Junge«, sagte Trevor lächelnd, »dieser alte Bettler, wie du ihn nennst, ist einer der reichsten Männer Europas. Er könnte morgen ganz London kaufen, ohne sein Konto zu überziehen. Er hat in jeder Hauptstadt ein Haus, speist von Goldenen Tellern und kann Russland davon abhalten, in den Krieg zu ziehen, wenn er sich dazu entscheidet.«
»Was um alles in der Welt meinst du damit?«, rief Hughie.
»Genau das, was ich sage«, sagte Trevor. »Der alte Mann, den du heute im Atelier gesehen hast, war Baron Hausberg. Er ist ein guter Freund von mir, kauft alle meine Bilder und so weiter und hat mir vor einem Monat den Auftrag gegeben, ihn als Bettler zu malen. Que voulez-vous? La fantaisie d’un millionnaire! Und ich muss sagen, er machte eine prächtige Figur in seinen Lumpen, oder vielleicht sollte ich sagen, in meinen Lumpen; es ist ein alter Anzug, den ich in Spanien gekauft habe.«
»Baron Hausberg!«, rief Hughie. »Großer Gott! Ich habe ihm einen Sovereign gegeben!«, und er sank in einen Sessel, das Bild der Bestürzung.
»Einen Sovereign gegeben!«, rief Trevor und brach in schallendes Gelächter aus. »Mein lieber Junge, den siehst du nie wieder. Son affaire c’est l’argent des autres.«
»Ich finde, du hättest es mir sagen können, Alan«, sagte Hughie mürrisch, »statt mich so zum Narren machen zu lassen.«
»Nun, zunächst einmal, Hughie«, sagte Trevor, »ist mir nie in den Sinn gekommen, dass du auf so rücksichtslose Weise Almosen verteilst. Ich kann verstehen, dass du ein hübsches Modell küsst, aber einem hässlichen einen Sovereign zu geben – bei Gott, nein! Außerdem war ich heute eigentlich für niemanden zu Hause; und als du hereinkamst, wusste ich nicht, ob Hausberg es gerne hätte, wenn sein Name erwähnt würde. Wie du weißt, war er nicht in voller Montur.«
»Er muss mich für einen Trottel halten!«, sagte Hughie.
»Ganz und gar nicht. Er war in bester Laune, nachdem du gegangen warst; kicherte vor sich hin und rieb seine alten, faltigen Hände aneinander. Ich konnte mir nicht erklären, warum er so interessiert daran war, alles über dich zu erfahren; aber jetzt verstehe ich es. Er wird deinen Sovereign für dich anlegen, Hughie, dir alle sechs Monate die Zinsen auszahlen und nach dem Dinner eine großartige Geschichte zu erzählen haben.«
»Ich bin ein unglücklicher Teufel«, brummte Hughie. »Das Beste, was ich tun kann, ist, ins Bett zu gehen; und, mein lieber Alan, du darfst es niemandem erzählen. Ich würde es nicht wagen, mich in der Row zu zeigen.«
»Unsinn! Das spricht für deinen philanthropischen Geist, Hughie. Und lauf nicht davon. Rauch noch eine Zigarette, und du kannst so viel über Laura reden, wie du willst.«
Doch Hughie wollte nicht bleiben, sondern ging nach Hause, sehr unglücklich, und ließ Alan Trevor in schallendem Gelächter zurück.
Am nächsten Morgen, als er gerade beim Frühstück saß, brachte ihm der Diener eine Visitenkarte, auf der stand: »Monsieur Gustave Naudin, de la part de M. le Baron Hausberg.«
»Ich nehme an, er ist gekommen, um meine Entschuldigung einzufordern«, sagte Hughie zu sich selbst; und er wies den Diener an, den Besucher hereinzuführen.
Ein älterer Herr mit goldener Brille und grauen Haaren betrat den Raum und sagte mit leichtem französischen Akzent: »Habe ich die Ehre, Monsieur Erskine anzusprechen?«
Hughie verbeugte sich.
»Ich komme im Auftrag von Baron Hausberg«, fuhr er fort. »Der Baron –«
»Ich bitte Sie, Sir, ihm meine aufrichtigsten Entschuldigungen zu übermitteln«, stammelte Hughie.
»Der Baron«, sagte der alte Herr mit einem Lächeln, »hat mich beauftragt, Ihnen diesen Brief zu überbringen«, und er reichte ihm einen versiegelten Umschlag.
Auf der Außenseite stand geschrieben: »Ein Hochzeitsgeschenk an Hugh Erskine und Laura Merton von einem alten Bettler«, und darin befand sich ein Scheck über 10.000 Pfund.
Als sie heirateten, war Alan Trevor der Trauzeuge, und der Baron hielt eine Rede beim Hochzeitsessen.
»Millionärs-Modelle«, bemerkte Alan, »sind selten genug; aber, bei Gott, Modell-Millionäre sind noch seltener!«